Gewitterschauer im Frühling

Ein herrlicher Frühlingstag! Nach wochenlangem Schnee, selbst bis in die Rheinebene, und tagelang eisiger Kälte, fühlt sich die Wärme richtig gut an.
Über dem Platz und kilometerweit in der Umgebung nichts als Sonnenschein. Dazu völlige Windstille.
Das richtige Wetter, um einen ersten Frühjahrsflug zu genießen. Mit der Nachmittagssonne im Rücken starte ich über die Piste 05.
Direkt aus der Platzrunde heraus geht es Richtung Norden zum Kaiserstuhl. Er liegt in der prallen Frühlingssonne. Ein erhabener Anblick.
Der uralte Vulkan zeigt auch heute noch, trotz unzähliger Eingriffe der Landwirte und Weinbauern, seine ursprüngliche Form.
Sein Kegel ist von oben deutlich erkennbar. Was hat man nicht alles versucht, um die Abhänge und Flächen besser nutzen zu können.
Da wurde, gegen besseres Wissen der überlieferten Erfahrungen, terassiert und begradigt. 30 Jahre später fanden dann gebildete
Wissenschaftler in langwierigen Studien heraus, daß die Eingriffe eher geschadet hatten. Auch den Erträgen der Weinbauern und
der Landwirte hatte es nicht unbedingt geholfen. Also hat man mit viel Aufwand wieder renaturiert. Selbstverständlich gegen zahlreiche
Widerstände der betroffenen Anwohner. Wann wird der Mensch lernen, die Natur und uralte, üerblieferte Erfahrungen zu achten?
Und nicht immer wieder auf irgendeine Mode und kurzlebige Erkenntnis von Gurus aufzuspringen? Aus der Geschichte zu urteilen, wohl nie.
Wollen sich doch immer wieder einzelne profilieren mit ihren wohlfeilen Heilslehren. Bis dann der gesunde Verstand wieder zur Realität zurückfindet.

Über den Südhängen überrascht mich ein heftiges Rütteln an den Tragflächen meines Doppeldeckers. Was ist das? Die Luft war doch bisher so ruhig.
Rasch habe ich erfaßt: Obwohl die Sonne noch relativ niedrig steht, bilden sich erste thermische Ablösungen an den Südhängen.
Der Boden ist bereits so weit erwärmt, daß größere Luftblasen aufsteigen. Natürlich, wegen dieser Wärme wachsen hier im Süden des
Kaiserstuhls zahlreiche sehr gute Weißweine. Beinahe jeder, der gern Wein trinkt, kennt Orte wie Achkarren, Oberbergen, Bötzingen oder Ihringen,
das ich gerade überfliege.

Für mich bedeutet die Unruhe, vor dem Berg abzudrehen. Besser betrachte ich die frühlingshaft lindgrünen Felder und Rebstöcke aus der Ferne.
Also drehe ich nach Osten, Richtung Freiburg. In 3500 Fuß Höhe passiere ich den Schönberg, eine kleine Erhebung südlich von Freiburg.
Von seiner Anhöhe hat man einen guten Ausblick auf das Rheintal, die Stadt und die östlich beginnenden Seitentäler im Schwarzwald.
Deshalb errichteten unsere Vorfahren hier ein Burg, von der noch heute Ruinen erhalten sind. Über dem Schwarzwald erkenne ich
inzwischen undurchdringliches grau. Deshalb ist es besser, nach Süden entlang der Bergkante weiterzufliegen.

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Doch was sehe ich dort:
Eine breite Front dunkler, undurchdringlicher Wolken! Sicher liegt die Basis auf nur etwa 4000 Fuß Höhe. Aber bei nahezu Windstille
bleibt die Front weit im Süden, etwa über der Grenze zur Schweiz stabil stehen. Ein furchterregender Anblick. Und doch ungefährlich,
wie ich beim Heranfliegen merke. Solange man gebührenden Abstand hält. Etwa 20 km vor der Wolkenmasse, südlich von Müllheim,
drehe ich nach Westen, Richtung Rhein. Dort erkenne ich ein noch überwältigenderes Himmels-Schauspiel. Eine riesige Regenwand,
durchleuchtet von gelbroter Nachmittagssonne. Wie eine Gardine stehen die Regenstreifen unter den dunklen Wolken.
Man sieht förmlich die Wassertropfen aus dem Himmel fallen. Von Süden dehnt sich die Front bis nach Nordwesten über die Vogesen aus.
Dort hinein zu fliegen wäre sicher kein Vergnügen. Aber das Himmelsschauspiel aus der Ferne zu betrachten,
selbst noch in wärmenden Sonnenschein gehüllt, erfüllt einen mit wohliger Ehrfurcht. Da sich der Rhein und die französische Grenze nähern,
drehe ich weiter und wende mich wieder nach Norden, Richtung Flugplatz und darüber hinaus. Auf wieder südlichem und westlichem Kurs
genieße ich noch einmal den großartigen Anblick. Trotz Windstille kommt die Front offensichtlich langsam näher.
Schon ziehen die ersten Wolkenschatten über den Flugplatz. Mit Unbehagen beobachte ich die Vorgänge aus meiner Position,
etwa zehn Kilometer nordöstlich des Platzes. Zeit, sich zur Landung zu melden. Nach meinem Anruf berichtet Heinz,
der mit einem Flugschüler in der Platzrunde fliegt, daß südlich des Platzes bereits heftige Windböen den Anflug erschweren.
Also bitte ich um den direkten Anflug aus Norden. Der Flugleiter bestätigt, zumal der Wind jetzt plötzlich auffrischt und aus
Kompassrichtung 250, also aus Südwesten, über den Flugplatz weht. Jetzt aber nichts wie zurück!
Unter Vollgas und heftigem Nachdrücken prügele ich den Doppeldecker mit der Nadel des Geschwindigkeitsmessers an der roten Markierung
Richtung Platzrunde. Alles bebt. Verzeih mir, MOBL. Aber jetzt zählt jede Minute. Da niemand außer mir noch inder Luft ist,
drehe ich abgekürzt auf den Endanflug der Piste 23 Gras. Nach meiner Meldung gibt mir der Flugleiter die Wetterinfo:
Heftige Regenschauer westlich des Platzes (das sehe ich doch selbst!) und dazu Wind auffrischend auf 15 bis 18,
in Böen bereits über 20 Knoten aus Richtung 250. Jetzt spüre ich auch den Wind. Heftig treibt es uns hin und her, meinen MOBL und mich.
Das ist wie der Ritt auf einer Schiffsschaukel. Mit viel Gas und ordentlich überhöhter Geschwindigkeit ziehe ich die Maschine
an die Piste heran. Heftige Korrekturen in allen Rudern sind nötig, um die Richtung zu halten. Dicht über dem Boden tritt etwas Ruhe ein.
Hier machen sich der Bodeneffekt der Tragflächen und der Windgradient bemerkbar. Jetzt Gas raus und schon setzen die Räder auf.
Geschafft. Mit viel Gas rollen wir rasch zur Halbbahnmarkierung und über die dann asphaltierten Rollwege Richtung Halle.
Heinz und Wolfram kommen, um die Maschine an den Enden der Tragflächen gegen den heftig zerrenden Wind zu stabilisieren.
So schön und gut eine niedrige Flächenbelastung ist, für diese Windstärken ist sie eher ungeeignet.
Mit Mühe schaffen wir die Maschine in die Halle, da setzt auch schon heftiger Regen ein. Dazu einige Blitze und Donnergrollen.
Das erste Gewitter in diesem Frühjahr. Seinem Wüten bin ich gerade noch entkommen.

Als Flieger sollte man den Himmel immer besonders genau beobachten. Aber sich dabei nicht allzu lange von den sonst eher
unbeachteten Himmelsschauspielen beeindrucken und überwältigen lassen.

                                                                                                                            Konrad Mücke