
Doch was sehe ich dort:
Eine breite Front dunkler, undurchdringlicher Wolken! Sicher liegt die Basis auf nur etwa
4000 Fuß Höhe. Aber bei nahezu Windstille
bleibt die Front weit im Süden, etwa über der Grenze zur Schweiz stabil stehen. Ein
furchterregender Anblick. Und doch ungefährlich,
wie ich beim Heranfliegen merke. Solange man gebührenden Abstand hält. Etwa 20 km vor
der Wolkenmasse, südlich von Müllheim,
drehe ich nach Westen, Richtung Rhein. Dort erkenne ich ein noch überwältigenderes
Himmels-Schauspiel. Eine riesige Regenwand,
durchleuchtet von gelbroter Nachmittagssonne. Wie eine Gardine stehen die Regenstreifen
unter den dunklen Wolken.
Man sieht förmlich die Wassertropfen aus dem Himmel fallen. Von Süden dehnt sich die
Front bis nach Nordwesten über die Vogesen aus.
Dort hinein zu fliegen wäre sicher kein Vergnügen. Aber das Himmelsschauspiel aus der
Ferne zu betrachten,
selbst noch in wärmenden Sonnenschein gehüllt, erfüllt einen mit wohliger Ehrfurcht. Da
sich der Rhein und die französische Grenze nähern,
drehe ich weiter und wende mich wieder nach Norden, Richtung Flugplatz und darüber
hinaus. Auf wieder südlichem und westlichem Kurs
genieße ich noch einmal den großartigen Anblick. Trotz Windstille kommt die Front
offensichtlich langsam näher.
Schon ziehen die ersten Wolkenschatten über den Flugplatz. Mit Unbehagen beobachte ich
die Vorgänge aus meiner Position,
etwa zehn Kilometer nordöstlich des Platzes. Zeit, sich zur Landung zu melden. Nach
meinem Anruf berichtet Heinz,
der mit einem Flugschüler in der Platzrunde fliegt, daß südlich des Platzes bereits
heftige Windböen den Anflug erschweren.
Also bitte ich um den direkten Anflug aus Norden. Der Flugleiter bestätigt, zumal der
Wind jetzt plötzlich auffrischt und aus
Kompassrichtung 250, also aus Südwesten, über den Flugplatz weht. Jetzt aber nichts wie
zurück!
Unter Vollgas und heftigem Nachdrücken prügele ich den Doppeldecker mit der Nadel des
Geschwindigkeitsmessers an der roten Markierung
Richtung Platzrunde. Alles bebt. Verzeih mir, MOBL. Aber jetzt zählt jede Minute. Da
niemand außer mir noch inder Luft ist,
drehe ich abgekürzt auf den Endanflug der Piste 23 Gras. Nach meiner Meldung gibt mir der
Flugleiter die Wetterinfo:
Heftige Regenschauer westlich des Platzes (das sehe ich doch selbst!) und dazu Wind
auffrischend auf 15 bis 18,
in Böen bereits über 20 Knoten aus Richtung 250. Jetzt spüre ich auch den Wind. Heftig
treibt es uns hin und her, meinen MOBL und mich.
Das ist wie der Ritt auf einer Schiffsschaukel. Mit viel Gas und ordentlich überhöhter
Geschwindigkeit ziehe ich die Maschine
an die Piste heran. Heftige Korrekturen in allen Rudern sind nötig, um die Richtung zu
halten. Dicht über dem Boden tritt etwas Ruhe ein.
Hier machen sich der Bodeneffekt der Tragflächen und der Windgradient bemerkbar. Jetzt
Gas raus und schon setzen die Räder auf.
Geschafft. Mit viel Gas rollen wir rasch zur Halbbahnmarkierung und über die dann
asphaltierten Rollwege Richtung Halle.
Heinz und Wolfram kommen, um die Maschine an den Enden der Tragflächen gegen den heftig
zerrenden Wind zu stabilisieren.
So schön und gut eine niedrige Flächenbelastung ist, für diese Windstärken ist sie
eher ungeeignet.
Mit Mühe schaffen wir die Maschine in die Halle, da setzt auch schon heftiger Regen ein.
Dazu einige Blitze und Donnergrollen.
Das erste Gewitter in diesem Frühjahr. Seinem Wüten bin ich gerade noch entkommen.
Konrad Mücke