Winterreise
Es ist ein eisiger Wintertag. Das Thermometer bleibt selbst im Rheintal auf 270 m über NN unter -4 °C. Aber solche Tage glänzen mit einer überragenden Fernsicht. Ideal für einen Flug über den Schwarzwald. Im Süden stehen ein paar Wolken auf etwa 4000 Fuß. Aber im Norden nichts als Sonnenschein. Beim Start in Bremgarten umgibt uns noch herbstliches Grün-grau. Wegen der kalten Luft steigen wir - mein MOBL und ich - innerhalb weniger Minuten auf über 5000 Fuß. Hoch genug, um über die Höhen des Schwarzwald zu sehen und zu fliegen. Und da zeigt sich der Winter in all seiner Pracht. Strahlendes Weiß bedeckt die Anhöhen und Berggipfel. Ich kauere mich tief in das Cockpit. Trotz meines dicken Overalls und der warmen Unterwäsche kriecht die Kälte bereits nach kaum einer halben Stunde bis auf die Haut. Aber der Anblick entschädigt für fast alles. Sicht über die Berge sicher mehr als 50 Kilometer. In den Tälern leichte Nebel- und Dunstfelder. Sie überziehen die Welt mit einem sanften Hauch. Als materielose Wattebäusche ziehen sie immer wieder neben oder unter uns vorbei.
Rechts von uns jetzt zum Greifen nahe der Feldberg. Die zahlreichen Alpin-Skifahrer wirbeln lange Schneeefahnen hinter sich auf. Offenbar ist der Schnee ideal pulvrig. Für all die Sportler hier das schiere Vergnügen. Doch dieser Sport hat auch eine andere Seite. Der Feldberg wird an Wochenenden mit solchem Kaiserwetter von einigen tausend Freizeitsportlern geradezu überrannt. Da bleibt viel von dem öffentlich propagierten und geförderten Landschafts- und Naturschutz auf der Strecke. Alle Versuche, die Menschen- und Automassen halbwegs zu steuern, sind bisher eher fehlgeschlagen. Vor allem das Umsteigen auf öffentliche Verkehrsmittel fällt vielen offenbar schwer. Statt einige Minuten auf den nächst erreichbaren Bus zu warten, rangieren sie lieber mit ihrem Wagen eine halbe Stunde und länger am völlig überfüllten Feldbergpaß umher, um endlich einen passenden Abstellplatz zu erreichen. Die dabei in die Luft geblasenen Abgase machen viele der gut gemeinten Maßnahmen zum Umweltschutz wieder zu nichte. Aber ach - zwei Seelen wohnen in meiner Brust. Zum einen will man die Region unter strengem Natur- und Landschaftsschutz erhalten, zum anderen aber mit einem blühenden Tourismus die Einnahmen für Gemeinden, Hoteliers und Vermieter sichern. Um den richtigen Weg zu finden, sind sicher noch gute Ideen gefragt.
Inzwischen sind wir aber schon weiter in den Schwarzwald hinein geflogen. Links liegt der Titisee mit seiner typischen Form. Von hier oben kann man direkt erahnen, wie sich die Eismassen des Feldbergs vor einigen tausend Jahren als Gletscher nach unten geschoben haben. Dabei trugen sie Gestein ab und schoben es vor sich her. Darauf steht heute die Flaniermeile von Titisee. Nach dem Abtauen des Gletschers ist dann der See zurückgeblieben. Ob die vielen Touristen, die jetzt an der Seepromenade die Sonne genießen, sich vorstellen können, dass sie dieses Vergnügen eigentlich der letzten Eiszeit zu verdanken haben?
Wir wenden uns etwas nach Süden. Unter uns zieht der Windgfällweiher durch. Obwohl ständig von Zu- und Abflüssen durchströmt, ist er schon fast vollständig zugefroren. Direkt dahinter breitet sich dann mit seiner Länge von etwa sieben Kilometern der Schluchsee aus. Heute liegt er wegen der Windstille fast komplett tiefschwarz glänzend vor uns. Nur hie und da kräuseln ein paar leichte Windböen die Oberfläche. Wie verlassen sie ist. Ganz im Gegensatz zu den Sommermonaten, mit all den Segel-, Ruder und Tretbooten, Surfern und Anglern darauf. So ist dem See eine Verschnaufpause vergönnt.
Am See entlang geht es weiter um den Ort Schluchsee herum. Überall sieht man jetzt Wintersportler an geeigneten Abhängen ins Tal gleiten. Erst von hier oben erkannt man, wie viele gute Abfahrten und Skilifte es doch in einem kleinen Umkreis gibt. So verteilen sich hier auch die Menschen wesentlich besser als auf dem Feldberg. Da unten beim Babylift beispielsweise tummeln sich jetzt die Kleinsten. Es sind nur vier oder fünf Rennfahrer erkennbar. Dafür haben sie die Abfahrt ganz für sich. Nach jeder gelungenen Abfahrt streben sie schnell wieder zum Lift, um nur keine Minute dieses schönen Tags ungenutzt zu lassen. An ihren flinken Bewegungen erkennt man sogar aus über 600 m Höhe den Spaß, den sie dabei haben. Wie können sie sich glücklich schätzen.
Nach kurzem Träumen über spielende und lachende Kinder, vielleicht mit ein wenig Wehmut in den Gedanken an die eigenen, glücklichen Kindertage, wenden wir uns wieder Richtung Westen. Bereits nach wenigen Minuten sieht man das tief eingeschnittene Höllental mit seiner viel befahrenen Strasse. Entlang dieses markanten Einschnitts geht es zurück Richtung Freiburg. Inzwischen beißt die Kälte schon in allen Körperteilen. Ein Schwenk nach Süden, entlang des Hexentals. Die tief stehende Sonne am Nachmittag und der aufkommende Dunst rauben mir fast die Sicht. Doch rasch liegt unter uns die Burg Staufen. Zeit, um uns beim Flugplatz anzumelden. Nach weiteren zehn Minuten Flug gen Westen drehe ich ein zur Landung. Mit ein wenig Wehmut verlasse ich heute den Flugplatz. Solche schönen Wintertage gibt es nicht oft.
Konrad Mücke