Altweiber-Sommer
Aber am Flugplatz, im Rheintal, erinnert ein warmer Wind von Süden noch einmal an
sommerliche Freuden. Inzwischen kommen aber
Mensch und Natur langsam zur Ruhe, die Hektik des Sommers ist verschwunden. Eine gute
Gelegenheit für einen Flug in die Umgebung. Meine D-MOBL und ich, wir starten über die
Piste 23. Wir gehen direkt nach Süden aus der Platzrunde. Da liegt schon das
Markgräflerland vor uns. Seinen Namen hat es von der Vorherrschaft der Markgrafen von
Baden. Es zählt zu den wärmsten Gegenden Deutschlands. Manche behaupten, das Klima sei
wie in Italien. Immer wieder spricht man von der Toskana Deutschlands. Hier wächst und
gedeiht alles besonders gut.
Speziell gehören dazu die bekannten Markgräfler Gutedel-Weine. Etwa 40 Prozent der
über 3000 Hektar Weinbaufläche im Markgräflerland tragen die Gutedel-Weinreben, weitere
30 Prozent den Blauen Spätburgunder. Auch
für die übrige Landwirtschaft ist das milde Klima günstig. Das Land wird intenisv
bewirtschaftet. Hier gedeihen Spargel, Mais, Weizen und Gemüse. Von oben erkennt man
deutlich die durchgreifenden Eingriffe des Menschen in die Natur. Wie ein Schachbrett
liegen die Felder. Streng abgegrenzt. Kein Platz mehr für wildes Leben. Alles richtet
sich nach effizientem Nutzen. Landwirtschaftliche Produktion. Schon in dieser Bezeichnung
liegt fast ein Widerspruch. Land, das bedeutet doch Natur, Urwüchsigkeit, freies Leben.
Für die Produktion sind Maschinen und Fabriken zuständig. Aber solange wir beides
wollen, hochwertige Lebensmittel einerseits und möglichst niedrige Kosten andererseits,
werden alle den Widerspruch im Kompromiss akzeptieren. Daß wir damit aber allem schaden, was uns nicht direkt nutzt, sehen
wir beispielsweise am Niedergang des Wildbestands. Rebhühner und Feldhasen beispielsweise
kannten wir als Kinder noch von jedem Spaziergang. Inzwischen sind sie fast ausgestorben.
Ihnen fehlt die Abwechslung und die Deckung in den kahlen, großflächigen Monokulturen. Wildschweine dagegen, die sich rasch auf
veränderte Lebensbedingungen einstellen, vermehren sich prächtig. Inzwischen gelten sie
als Plage. Auf ihren nächtlichen Streifzügen richten sie vor allem in Maisfeldern hohen
Schaden. Sehr zum Leid von Landwirten und Waidmännern. Mit dem Vorteil der einfachen
Nutzung großer Flächen durch landwirtschaftliche Maschinen haben wir eben auch
unerwünschte Gäste angelockt, die davon profitieren. Ein
Genie, wer die widersprechenden Interessen unter einen Hut bekäme.
Beim Kurven von Süden nach Norden kommt der Segelflugplatz unter uns in Sicht. Ein beruhigendes Gefühl. Denn hier kann man unbedenklich notlanden. Ein Ereignis, das jeder Flieger, bei aller Freude am Fliegen und aller Freheit in der Luft, immer in Gedanken mit sich trägt. Was tue ich, wenn jetzt der "Quirl" abstellt. Unter mir nur hügelige, stark bewachsene Ausläufer des Schwarzwalds. Und dazwischen Ortschaften. Da fühlt man sich doch mit einer leicht anfliegbaren Segelflieger-Wiese in erreichbarer Nähe richtig wohl.
Am Rand des Schwarzwalds entlang geht es nun Richtung Norden. Westlich liegt der Flugplatz. Von oben zeigt er seine wahre Größe. 1600 m Piste für uns, den MOBL und mich, eigentlich viel zu groß. Mit dem Doppeldecker könnte ich sogar quer auf der Piste landen oder starten 60 m freie Strecke reichen aus. Aber für uns war der Platz ursprünglich nicht gedacht. Nein, er hatte eine staatstragende, strategische Bedeutung. Hier waren einst Kampfflieger stationiert. Mit ihren martialischen Jets und ihrer totbringenden Ausrüstung sollten sie den Feind abschrecken. Der lauerte vor allem im Osten. Alles was "Rot" war, galt über Jahrzehnte als gefährlichste Bedrohung für die freiheitlich demokratische Grundordnung. Zum Glück hat sich die Bedrohung selbst aufgelöst. Und sich im Nachhinein als gar nicht so unmenschlich und bedrohlich erwiesen. Mit einer darauf abzielen den Argumentation welcher einzelne Russe hätte schon persönliches Interesse daran gehabt einen Menschen aus dem Westen zu töten - habe ich seinerzeit den Dienst mit der Waffe verweigert. Selbst bei der gestrengen Kommission fand dieser Aspekt Respekt und ich bekam die Entlassung aus dem Militärdienst. Nun, die Geschichte hat gezeigt, daß wohl beide Seiten in ihren jeweiligen Argumenten ein Stück Wahrheit beanspruchen können. Die einen, die nur durch militärische Abschreckung mögliche Übergriffe verhinderten, die anderen, die überzeugt waren, daß uns unbekannte Menschen nicht nur vom Gedanken ans Töten geleitet sind.