In 500 ft über den Ärmelkanal
Seit ich mit meinem "Sunrise" St. Omer passiert habe, sinkt die Wolkenbasis stetig ab. Westlich der Kontrollzone von Calais, bin ich in 900 ft NN schon an den Wolken. Da sehe ich unter mir eine Hartbelagbahn mit Ost-West Ausrichtung. Verdutzt schaue ich in die Karte, aber da ist kein Flugplatz eingezeichnet. Es ist auch keine weitere Infrastruktur, wie Tankstelle, Halle etc. zu erkennen, geschweige denn Autos oder Personen. Deshalb schlage ich mir den Gedanken dort zu landen auch gleich wieder aus dem Kopf.
Ich funke Calais an, auf deren Frequenz ich schon seit längerem hineingehört habe und erhalte sofort die Einflugfreigabe in die Kontrollzone mit Landeinformationen. Da meldet sich aus dem Äther ein Motorflieger, der mir mitteilt, daß der Kanal ab Mitte Richtung England offen ist und fordert mich auf, rüber zu fliegen. Kurzentschlossen teile ich Calais meine Entscheidung mit und werde mit der Aufforderung, mich in Kanalmitte wieder zu melden, Richtung Küste entlassen.
Der Turm, der in der Karte westl. Calais als Luftfahrthindernis (715 ft) eingezeichnet ist, versteckt seinen Kopf schon in den Wolken. Erstaunt stelle ich fest, daß auch hier das Land steil in Richtung Kanal abfällt. Das tut die Basis aber leider auch. Also folge ich der Geländestruktur, den Turm in gebührendem Abstand rechts neben mir. Die werwunderten Blicke der Spaziergänger am Strand folgen mir, als ich sie in 500 ft überfliege. Die Sicht liegt zwischen 3 und 5 km. Die Küstenlinie verschwindet unter mir und das von 25 kt Westwind aufgewühlte Wasser geht konturlos in den Himmel über. Ohne Horizont schlägt mein Gleichgewichtssinn Alarm. Ich schaue nach links und rechts unten auf die Schaumkronen. Nun wird mir bewußt, warum Erdsicht (hier wohl eher "Wassersicht") Pflicht ist. So kann ich mir auch ohne Horizont gut behelfen und nach 2 Minuten habe ich mich daran gewöhnt.
Die Luft ist
ziemlich ruhig und ausgetrimmt brummt der "Sunrise" sonor vor sich hin. Der
Westwind fordert mir einen interessanten Vorhaltewinkel ab und bremst meine Groundspeed
auf 86 km/h (bei 110 km/h IAS). Ohne GPS hätte ich es wohl nicht gewagt, aber das kann ja
auch ausfallen! Also merke ich mir während ich auf dem "Strich" fliege meinen
Kompasskurs. Gleichzeitig versuche ich zu steigen. Bei 600 ft fliege ich schon durch die
ersten Kondensen und die Flugsicht ist besch... Dann muß ich eben wieder auf 500 ft. Da
schält sich aus dem Dunst ein dunkler Punkt. Ist es ein Flugzeug oder Schiff? Ich ändere
leicht meinen Kurs und erkenne beim Näherkommen eine Kanalfähre. Sie vermittelt doch
etwas Sicherheit, wenn man auf dem Wasser landen müßte. Schnell schalte ich meine
Videokamera an um mit der an der Endleiste meines "Sunrise" montierten
Fingerkamera das Geschehen für die Nachwelt zu erhalten. 
Zwei weitere Fähren, darunter
auch die schnelle Katamaranfähre "Seacat" begegnen mir noch, dann bin ich über
der Mitte des Ärmelkanals. Wie versprochen, ist nun nach oben blauer Himmel zu sehen.
Während die Flugsicht weiter mies bleibt, melde ich mich bei Calais, werde aber
nicht gehört. Ich höre den Controller dagegen schon. Wahrscheinlich bin ich zu tief.
Nach mehreren Versuchen Kontakt aufzunehmen schaltet sich ein höher fliegender
Motorflieger ein und macht Relais. Ich bekomme die Frequenz von Lydd (EGMD), dem an der
Küste liegenden Zollflugplatz in England, und werde mit guten Wünschen für den
Weiterflug entlassen. Ich habe mich so an das Tieffliegen gewöhnt, daß ich für die 2.
Hälfte nur auf 600 ft steige. Denn,welche Rolle spielt es, ob ich bei Motorausfall aus
500 ft oder aus 2000 ft in den "Bach" muß?
Bald schon ist im Dunst die Hafenmauer von Dover zu erkennen. Nun auch ein Teil der
weißen Klippen. Die Kante selbst ist aber durch eine schmale Wolkenbank verdeckt. Also
steige ich auf 1500 ft um darüber zu kommen. Im Sonnenschein mit den leuchtend weißen
Wolken ergibt sich ein toller Blick auf Dover und den Hafen.
Erst jetzt wird mir bewußt,
daß ich gerade den Kanal gequert habe!!! Erleichterung macht sich nun doch breit, obwohl
ich mir nie Sorgen um meinen 40 PS leistenden Visa Motor gemacht hatte. Zu sehr war ich
wohl mit Fliegen, Navigieren und Filmen beschäftigt.
Gegen den starken Wind gibt mir das GPS noch 20 Minuten bis Lydd. Seit meinem Start in
Belgien, wo ich bereits die Schwimmweste angezogen und den Flugplan aufgegeben hatte, bin
ich nun schon über 4 Stunden in der Luft.
Heinz Korella