Abheben

Vorflug-Check. Ich gehe um die Maschine. Etwas verloren steht sie da. Auf dem riesigen Vorfeld. Ein kleiner Vogel. Doppeldecker. 5,5 m Spannweite. Fast zu klein, um einen Mensch zu tragen. Und verletzlich dazu. Zumindest am Boden. Vorsichtig betaste ich seine Haut. Bespannstoff. Auf einem filigranen Gerüst aus Holz.
Geschickt angeordnete Leisten, Stäbe und Sperrhölzer. Dadurch äußerst stabil. In der Luft. Und dahin gehört er, der FP404. Das ist seine Welt.
Und er nimmt mich mit. Ich zeige den Weg. Er trägt mich. Doch zuvor muss er beweisen, dass er oben bleiben will. Propeller, Fahrwerk, Flächen. Alles bestens. Sprit, Kühlwasser, Öl. Alle Behälter gut gefüllt. Jede Kleinigkeit zählt. Die Luft verzeiht keine Fehler.

Dann steige ich ein. Zwänge mich in das winzige Cockpit. Ein gutes Gefühl. Wenn man erst sitzt, passt die Maschine wie eine zweite Haut.
Weitere Checks. Die Liste sorgfältig abarbeiten. Nur keine Nachlässigkeit. Fliegen bedeutet Sorgfalt. Schon lange bevor der Vogel in der Luft ist. Flächenklappe schließen. Anschnallen. Funkgerät anschließen. Elektrik ein. Die Zeiger der Instrumente zucken. Erstes Lebenszeichen. Benzinhahn öffnen. Dann das Headset auf. Ein Blick in die Runde. Wir sind ungestört. Choke.
Der erste Druck auf den Startknopf. Mit einigen heftigen Bewegungen dreht der Propeller zwei-, dreimal. Wieder Stille. Der Vogel will geweckt werden. Ein zweiter Druck. Vier, fünf Umdrehungen, dann beginnt der Motor seine kraftvolle Arbeit. Der Lufstrom des Propellers fegt über das Cockpit. Mit Gas und Choke die Drehzahl halten.
Funk ein. "Info? D-MOBL!" Wenige Worte folgen. "Zur Piste 23!" Jetzt läuft der Motor rund. Also los. Wie an einer Schnur gezogen folgen wir der gelben Mittellinie. Erst nach rechts, dann nach links, schon sind wir am Rollhalt 23. Alle Ruder freigängig. Platzhöhe eingestellt. Der Blick zur Anflugrichtung. "Abflugbereit" !
"Start frei". Raus auf die Piste und Vollgas! Die Maschine nimmt Fahrt auf, hebt den Sporn. Jetzt nur gerade halten. Schnell rollen wir mit 30,40, 50 km/h. Das Vibrieren und Rumpeln im Fahrwerk verstummt.
Wir sind frei! Das ist unser Element. Schneller und schneller. 70, 80 km/h. Ruhig steigen wir in die klare Luft. Schnell erreichen wir Höhe. Bei 3000 ft reduziere ich die Drehzahl. Motor und Propeller surren leise.
Und dann übermannt einen das Gefühl, das wohl schon Dädalus und Ikarus erlebt haben.Die Welt unter sich, so wie Gottes Augen sie sehen. Und der Blick durch nichts verstellt. Rundum nur Himmel. Nur Himmel.

Konrad Mücke